Streetculture Aschheim – das Finale

Nachdem wir uns geistig schon auf die große Saisoneröffnung vorbereitet haben, erreichte uns bereits mitten im Winter die Nachricht – Streetculture in Aschheim wird es nicht mehr geben. Das letzte Treffen findet am 13.02.2016 statt, danach ist Schluss. Gerade bin ich nun eben von jenem Treffen zurück gekommen und soll jetzt einen Artikel darüber schreiben. Aber über was soll ich schreiben? Über die Autos, die besten Klassiker, die schnellsten, teuersten Boliden oder über das coolste Musclecar? Normalerweise bin ich ja eher ein Freund der leichten Unterhaltung, doch dieses Mal erscheinen mir andere Dinge wichtiger. Deshalb wird dieser Artikel anders als meine anderen Berichte zahlreicher Treffen. Aber immer eines nach dem anderen.

Das Treffen soll wie immer um 21 Uhr starten. Ohne Hindernisse erreiche ich die Autobahnausfahrt München-Aschheim wo ich auf der Abfahrt rapide zum Stillstand komme. Mein Navi zeigt noch 1,3 Kilometer bis zum Ziel und hier geht nichts mehr. Lichter so weit das Auge reicht. Blechlawine vor mir, Blechlawine von der Landstraße rechts und nur wenige Momente später Blechlawine hinter mir. Ich brauche mehr als 15 Minuten um die Autobahnausfahrt hinter mir zu lassen. Einige drehen bereits wieder um. Oben auf der Landstraße lässt einer seinen Motor aufheulen, etwa 20 oder 30 folgen seinem Beispiel. Anwohnerbeschwerden, Lokalpolitik? Keiner weiß so ganz genau, warum der Mietvertrag für Streetculture nicht verlängert wurde, aber das hier macht es vermutlich auch nicht besser. Weitere 30 Minuten später zeigt mein Navi noch 900 Meter zum Ziel und ich sehe hunderte Rücklichter, mehr nicht. Immer mehr Fahrzeuge scheren indes aus und brausen davon, ich nutze die erste Gelegenheit, biege ab, parke in einem, nahen Industriegebiet und mache mich zu Fuß auf zum Veranstaltungsort. Zehn Minuten später bin ich da.

Streetculture hat zum letzten Aufmarsch gerufen und die Szene ist gekommen. Außenparkfläche voll, Garage voll, Zufahrtsstraßen voll. Respekt – offensichtlich ist Streetculture doch sehr vielen Leuten sehr wichtig. Noch einmal richtige Partystimmung und das mitten im Winter. Fette Bassboxen wummern durch die Nacht, einige haben ihre Klappstühle raus geholt, ein Mädchen tanzt vor mir zwischen den Autos über das Parkdeck, ein kleines Kind fährt mit Schrittgeschwindigkeit in seinem Elektromobil mit Audio System die Parkreihen ab. Die Autos? Die übliche Winterautomischung: Teure Luxusschlitten, Serienautos, einige fette Ami-Geländewägen, die einschlägig bekannten Winter-Rallye Könige von Mitsubishi und Subaru, Tuningschlitten mit Ganzjahreszulassung, Schrott mit Wandfarbe lackiert, eine einsame Supra und ein ebenso einsamer Mustang. Aber das ist heute auch egal. Überall stehen Grüppchen junger Menschen, junger Steuerzahler, junger Bundesbürger und diskutieren. Sie diskutieren warum für sie kein Platz ist auf dieser Welt und das ist eine Frage, die man sich an dieser Stelle einfach auch stellen muss.

Natürlich gibt es überall die Motoraufheuler, die Gummilasser und die Ampelstarter und wenn sie es nicht auf dem Event machen, dann eben sobald sie vom Event runter sind. Diese Kameraden bringen jedem Veranstalter Ärger und Probleme. Ob das gerecht ist? Das klären wir noch später. Die einschlägige Tagespresse hat jedenfalls viele Wörter für Tuner gefunden und freundlich sind diese meist nicht. Raser, PS-Protze, PS-Rausch, irre, illegal und gefährlich sind die Worte, die man im Zusammenhang mit der Auto- und Tuningszene immer wieder liest. Wunderbare Schlagzeilen auf eine Randgruppe bezogen, auf die sich prächtig einschlagen lässt. Denn leider kann man nicht die tausende rasenden Kombivertreter die mit einem Meter Abstand hinter einem auf der Autobahn drängeln, die am Limit wankenden Kleintransporter oder die ewigen Mittelspurfahrer in so schöne homogene Zielgruppen verpacken. Denn all diese Leute sind die Masse und die Masse kann man eben nicht so gut angreifen. Tuner hingegen sind komische Leute, zumindest im Auge des Gesetzes und des Otto-Normalbürgers. Doch wieso ist das eigentlich so?

Deutschland lebt prächtig mit und von seiner Autoindustrie. Deutsche Marken haben die Welt erobert und kündigen uns jedes Jahr neue, noch schnellere, noch größere, noch tollere Fahrzeuge an. Cool ist, wer den neuen Sportwagen in der Garage hat, der nur noch 3,8 Sekunden von 0 auf 100 braucht. Ansehen hat, wer die neue Luxuslimousine mit belüfteten Massagesitzen sein eigen nennt. Hipp ist, wer das maximal vernetzte Auto hat. Aber wenn man dann der Verlockung des Autos erliegt, dann ist es nicht mehr weit zum Außenseiter. Denn ja, natürlich dürft ihr euer gesamtes Erspartes für ein teures Auto anlegen, natürlich kassiert der Staat gerne die 19 Prozent Umsatzsteuer, die Kfz Steuer und auch die Versicherungen freuen sich, wenn ihr so eine richtig teure Co2 Schleuder euer eigen nennt. Aber wenn ihr endlich die lang ersehnten 400 PS in der Garage habt, dann aber bitte schön leise, nicht auffallen und immer brav sein. Film, Prospekt und Realität lassen sich bei uns nicht mehr auf einen Nenner bringen. Verkauft werden die Träume von Coolnes, Luxus und Adrenalin aber die Wahrheit auf deutschen Straßen ist Stau, Blitzermarathon und Ökodiskussion. Wenn ich nun reich bin und mir einen italienischen Boliden mit Hengst oder Stier in die Garage stelle, dann ist mir das vielleicht sogar relativ egal, denn ich habe Geld und nach mir die Sintflut. Wenn ich aber 25 bin und aus dem Golf IV meiner Mutter aus meinen kargen Ersparnissen meinen persönlichen Autotraum baue, dann ist genau das allen suspekt. Sollte mein Auto 20, 40 oder sogar 50 Prozent mehr Sprit verbraucht als im Prospekt angegeben ist das heute völlig normal und akzeptiert. Wehe aber mein Sportauspuff verändert in irgendeiner Weise das Abgasverhalten meines Fahrzeugs, dann treten die strengen Umweltwächter auf den Plan. Alles der Umwelt zuliebe natürlich. Manche sind eben doch gleicher als andere.

Das bringt mich zurück zu Streetculture. Denn was ist Streetculture? Es ist das Treffen von (oftmals jungen oder jung gebliebenen) Leuten, die noch den Traum vom Auto und von der Freiheit auf vier Rädern träumen. Sie dürfen sich nicht illegal irgendwo versammeln, Rennen fahren dürfen sie schon zweimal nicht und am besten auch keine laute Musik hören. Also bleibt nicht viel. Zum Glück gibt es Veranstalter, die legale Plätze organisieren, auf denen sich eben jene Menschen abgeschieden in einem Industriegebiet hinstellen, gegenseitig ihre Autos anschauen und drüber reden. Nebenbei trinken sie vielleicht noch einen Energy Drink oder ein anderes alkoholfreies Getränke, denn mit Autos und Alkohol verhält es sich in etwa wie mit Autos und Autorennen. Böse, böse, böse! Im Prinzip machen die Leute also nichts. Natürlich gibt es jetzt oben angesprochene Radaubrüder, die beim Wegfahren das Unsagbare wagen und z.B. als letztes Zeichen von Rebellion und Freiheit nochmals die Reifen qualmen lassen und genau dies gibt dann Futter für die Nichtversteher, die irgendwann genervten Anwohner und den Lokalpolitiker auf Stimmenfang. Man könnte jetzt argumentieren, dass der Veranstalter ja nichts dafür kann, wenn einige seiner „Kunden“ draussen Unfug treiben. Man könnte auch pro Anwohner argumentieren und sagen, mir würde es auch auf den Wecker gehen wenn um Mitternacht nochmals noch so ein Muttersöhnchen im rostigen Kleinwagen so richtig die Maschine aufheulen lässt und ich endlich mal ausschlafen will. Aber wenn wir so argumentieren frage ich mich folgendes.

Wer sagt denn bitte das Oktoberfest ab, weil hunderte oder tausende von Menschen jedes Jahr ihren Müll in der ganzen Innenstadt verteilen, weil sie besoffen (und ich schreibe besoffen und nicht betrunken, weil es genau das ist was viele sind) die Gehsteige mit ihrem Mageninhalt verzieren, Schlägereien anfangen oder Frauen begrapschen? Wer sagt ein Fussballspiel ab, weil Horden voller singender, bierseliger Fans durch die Innenstädte marodieren? Wo ist der Unterschied? Einnahmen einer Stadt durch riesige Feste und Touristen? Opium fürs Volk, was man ihnen nicht nehmen kann? Was bitte macht Tuner so unglaublich schlimm, dass man ihnen nicht gönnen kann, sich legal auf einem abgelegenen Industriegelände zu treffen, wo keiner trinkt, keiner in einer Drogenhöhle versumpft, keine vergewaltigt wird und wo sowieso schon längst keine Rennen mehr gefahren werden. Fragen über Fragen und mir fallen keine Antworten ein.

Streetculture Aschheim 2016

Ich weiß nur eines sicher, die Jungs und Mädels könnten wirklich schlimmere Sachen machen und vielleicht sollte man da einmal drüber nachdenken! Mir wäre es definitiv lieber meine Tochter und mein Sohn würden mit ihrem Auto auf so einem Tuningtreffen stehen, als dass sie sturzbetrunken durch eine Disco taumeln. Am Ende bleibt mir leider nur danke zu sagen, danke an Streetculture für die schönen Jahre und danke an alle Veranstalter, die sich den ewigen Behördenkrieg antun, solche Treffen zu verwirklichen. Lasst euch nicht unterkriegen!

Kommentar: Andreas Leffler

Bilder: Andreas Leffler