Der Winterauto Check Teil 2 – Heute: Deutsch-französische Freundschaft

Auch diesen Monat wollen wir euch wieder zwei günstige Alternativen auf vier Rädern vorstellen die euch durch den Winter bringen oder euch im besten Fall sogar noch die nächsten Jahre als Daily begleiten werden. Mein Weg führt mich deshalb abermals zum Autopark Emmering wo mich Herr Heilbrunner, der Besitzer bereits erwartet.

Allerdings zeichnet sich derzeit ein Problem ganz anderer Art für meine kleine Winterauto Kolumne ab. Irgendwie ist weit und breit kein Winter in Sicht. Mein dünner Sommerpullover und die Weste treiben mir den Schweiß auf die Stirn und die Sonne strahlt am blauen Himmel mit knappen 20 Grad ins Fürstenfeldbrucker Hinterland. Ganz ehrlich, wenn das so weiter geht, dann werde ich euch hier im Dezember lieber ein paar Cabrios vorstellen. Aber heute hoffe ich noch fest auf weiße Weihnachten, Schneemänner und kuschlige Kaminfeuerabende. Deshalb wähle ich zwei typische Dailys mit Stauraum und 8-facher Bereifung statt Windschott und Frischluftfeeling.

Also auf zum Gebraucht- bzw. Verbrauchtwagencheck. Die gute Nachricht im Vergleich zum letzten Winterauto Check ist: Beide Autos kommen diesmal bereits aus dem neuen Jahrtausend. Die schlechte Nachricht: Dafür werden auch ein paar Euro mehr fällig. Vorweg noch wie immer ein paar Worte: wir haben die Autos keiner eingehenden technischen Überprüfung unterzogen. Wir haben sie lediglich gefahren, angeschaut und fotografiert und von diesen Erlebnissen berichten wir hier.

Renault Clio 1,2 16V TechLine
Ich gebe es ja zu! Die meiste Zeit meines Lebens konnte ich Autos aus Frankreich nicht wirklich ausstehen. Wie konnte eine Nation die einst den DS, die großartige Göttin auf die Straße brachte nur Jahre lang Sachen (ja ich sage Sachen und nicht Autos) wie z.B. den Vel Satis produzieren? Aber seit einiger Zeit habe ich meinen Frieden mit der Grande Nation gemacht. Die aktuellen RS Modelle von Renault sind richtig coole Flitzer, mit dem RCZ hat Peugeot spätestens seit dem „R“ einen echten Sportwagen im Programm und die DS3 ist für mich eines der gelungensten Lifestyle Autos der jüngeren Geschichte.
Gut, der heute getestete Clio 1,2 entstammt leider nicht dieser Ära. Um genau zu sein erwachte der Wagen im April 2001 zum Leben, damals als sein Lack vermutlich auch noch mehr silbern als grau aussah. Der Schlüssel ist klein und knubbelig, die Batterie braucht ein wenig Nachhilfe und auch ansonsten sehe ich erst einmal schwarz, zumal mich die Kollegen vom Autopark darauf hinweisen, dass das Fahrzeug ein wenig Wasser verliert (Kopfdichtung?).
Aber egal, ich fahre los und bemerke schnell zwei Dinge: Der Innenraum sieht für 129.000 km und fast 15 Jahre Lebensalter äußerst gepflegt aus und Kupplung sowie Motor fühlen sich zusammen viel neuer an als sie sind. Nennen wir es eine positive Überraschung. Aber ob es so positiv weiter geht, das muss unser Verbrauchtwagencheck klären.

Renault Clio 1,2 16V TechLine

Renault Clio 1,2 16V TechLine

Emotionen
Die Stadt der Liebe, Künstler wie Monet oder Matisse, ein feurig heisser Can Can und schließlich – ein eckiger, gräulicher Clio. Also mit dem Savoir-Vivre, dem oft beschworenen französischen Lebensgefühl hat dieses Kraftfahrzeug (ich nennen es bewusst so) ungefähr soviel zu tun wie ein Brötchen vom Discounter mit einem Baguette aus einer alten Familienbäckerei in Montmartre.

Renault Clio 1,2 16V TechLine

Renault Clio 1,2 16V TechLine

Außenansicht
Hier sieht die Sache schon besser aus. Kein Neuwagen, ein bisschen Rost hier, ein Kratzerchen da aber alles in allem habe ich schon viel Schlimmeres gesehen. Abgesehen von 14 Zoll Alus hat der Wagen zwar keine besonderen Highlights, aber er wirkt jetzt auch nicht völlig abgerockt. Unauffällig, eben passend zum grau des Lacks.

Innenraum
Wo ich gerade beim Thema grau bin. Hier ist alles grau, sogar die Armaturen. Na gut, die Stoffsitze sind auch ein wenig blau, aber ansonsten ist es faszinierend wie viele Grautöne man in einem Auto zusammen mischen kann. Positiv aber in jedem Fall: Der Innenraum sieht wie bereits erwähnt wirklich ordentlich und gepflegt aus. Da hat jemand zumindest ein bisschen Liebe erhalten in seinem Autoleben. Die Sitze sind noch nicht durch geritten, der Kofferraum dürfte den meisten Ansprüchen genügen und mit seinen fünf Türen ist er in jedem Fall praktisch.

Renault Clio 1,2 16V TechLine

Renault Clio 1,2 16V TechLine

Technik
Das Wägelchen quetscht 75 Pferdchen aus dem 1,2 Liter Motor und ich finde, das Ganze fühlt sich eigentlich recht ausreichend motorisiert an. Der überlange Ganghebel der manuellen 5-Gang Schaltung wackelt dabei lustig im Takt während der Fahrt. Den CD/Radio bringe ich erst zum laufen, als ich in der Bordmappe einen handgeschriebenen Zettel mit dem Code finde (wer würde bitte dieses Radio klauen?), die Klimaanlage ist bei der heutigen Hitze schon ein echtes Plus und vorne gibt es noch zwei elektrische Fensterheber dazu. Als Bonus oder auch Minus finde ich diesen völlig seltsamen Audio-Bedienhebel fast unsichtbar hinter dem Lenkrad versteckt, ein Mysterium welches manche Autos aus Frankreich auch heute noch mit sich herum schleppen und welches ich noch nie verstanden habe. Geschmacksache!

Renault Clio 1,2 16V TechLine

Renault Clio 1,2 16V TechLine

Die Highlights
Das Auto ist 8-fach bereift, subjektiv fühlt sich der Wagen ganz passabel in Schuss an und er fährt auch gut. Das mit dem Wasserverlust müsste man sich genauer anschauen und TÜV hat er aktuell leider nur bis 04/2016. Aber das französische Komplettpaket gibt es bereits für 1600 Euro.

Mercedes Benz Vaneo 1,9 Trend
Nach so viel Frankreich brauche ich dringend mal etwas einheimisches. Und wenn schon deutsch, warum nicht gleich etwas so urdeutsches wie einen Benz? Ich entscheide mich für einen Wagen, den schon viele wieder vergessen haben, den Vaneo. Van… was? Vaneo, dieses schöne Kunstwort bezeichnet einen überhohen Kompaktvan (Van, Vaneo, ihr merkt etwas?), den Mercedes von 2001 bis 2005 anbot. Mein Testwagen ist von 2002 und hat den 1,9 Liter Benziner mit 125 PS an Bord. Schade, Diesel wäre sicher nicht schlecht gewesen bei so einem Modell, aber egal. 145.000 km stehen auf der Uhr, ich drücke die Fernentriegelung, steige ein und düse los! Im CD Wechsler hat der Vorbesitzer eine CD mit türkischen Popsongs vergessen, ich öffne das Fenster, lass die Sonne rein und hätte plötzlich Lust auf Urlaub im Süden, zumal ich hier auch noch meine komplette Campingausrüstung rein packen könnte. Aber eines nach dem anderen.

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Mercedes Benz Vaneo 1,9 Trend

Emotionen
Kompakt – Van – oder wie man auch sagt – Hochdachkombi. 1,9 Liter Benziner. Silber metallic. Noch Fragen? Ihr wollt Emotionen, dann kauft euch einen AMG A45. Hier bekommt ihr einen Pampersbomber par excellence. Dass das aber nicht immer schlecht sein muss, sehen wir gleich.

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Mercedes Benz Vaneo 1,9 Trend

Außenansicht
Mein Vaneo sieht für den Laien super aus. Perfekt nein, aber für sein Alter in einem guten Zustand!   So zumindest die Optik. Unten drunter ist hier und da allerdings so einiges zusammen gespachtelt. Die Jungs vom Autopark erklären mir, dass mehrere Roststellen entfernt, verspachtelt und neu lackiert wurden. Naja, besser als wenn es munter vor sich hin gammelt. Immerhin hat ihm das einen relativ frischen TÜV eingebracht. Dazu aber später mehr. Momentan steht er auf Winterrädern aus Stahl, aber die Sommeralus liegen im Kofferraum.

Innenraum
Auch hier ist alles grau in grau. Sitze, Armaturen, Teppiche, grau, grau und nochmals grau. Der Innenraum ist nicht ganz so gepflegt wie beim Clio, aber immer noch ansehendlich. Gut, die Armauflage lässt sich nur noch in einer Stellung justieren, aber dafür kann man sie einfach heraus ziehen (ähm, das ist so nicht serienmäßig schätze ich mal) und nach hinten werfen. Apropos hinten: Hinten bedeutet – maximal 3000 Liter Laderaum sowie klapp- und faltbare Rücksitze. Mama, Papa, 3 Kinder, Kinderwagen und Einkäufe sind also schon mal kein Problem. Die Sitzposition ist Mercedes-typisch sehr gut und auch sonst kann ich nicht wirklich viel klagen, außer dass das Lenkrad leicht schief steht, also vermutlich mal die Spurstange nachgestellt werden müsste, zumindest für alle die es stört.

Technik
Hier schlägt die große Stunde des Wagens. Elektrische Fensterheber vorne, elektrische Klappfenster hinten, elektrische Außenspiegelverstellung, Sitzheizung für Fahrer und Beifahrer, original Mercedes Radio/Kassette, aber mit CD Wechsler im Kofferraum, super-variable Rücksitze, ABS und ESP. Das ist doch mal eine Ansage! Also nichts zu meckern? Sagen wir so, Kupplung und Schaltung fühlen sich zusammen an wie ein das Rühren in einem weichen Teig aber ansonsten bietet der Wagen wirklich viel Ausstattung fürs Geld.

Die Highlights
Sieht außen und innen gut aus, 8-fach bereift, jede Menge Platz für Familie, Firma oder Omas Umzug, TÜV bis Juni 2017 und der gute Stern aus Stuttgart erstrahlt im Kühlergrill. Dazu gibt es wieder mal das zumindest teilweise geführte Scheckheft. Kleiner Nachteil: 3600 Euro.

Als kurzes Resümee des heutigen Tages kann ich sagen, beide Länder standen offensichtlich zur Jahrtausendwende auf die Farbe grau, beide Länder hatten praktische und relativ emotionsbefreite Autos im Angebot und der Winter in Deutschland lässt auf sich warten. Wie immer war es ein spaßiger Tag im Autopark mit ein paar Eindrücken der anderen Art. Vielleicht ist ja für den ein oder anderen etwas Interessantes dabei. Ansonsten schauen wir mal was der Dezember bringt, vielleicht ja ein paar Wintercabrios.

Bericht: Andreas Leffler

Bilder: Andreas Leffler