Der Winterauto Check – Heute: Zwei Japaner zum Bonsaipreis

Was brauchen viele von uns wenn die heiß geliebten Schätzchen in den wohlverdienten Winterschlaf rollen? Richtig, ein Winterauto, oder im besten Fall sogar einen günstigen Daily, der auch nächstes Jahr noch seine Dienst versieht. Deswegen stellen wir euch jetzt hier einmal zwei Alternativen für eure winterliche Garage vor. Wenn euch der Artikel gefällt, werden wir diesen auch in den nächsten Monaten mit mehr lustigen, stylischen, hässlichen oder auch praktischen Autos der letzten Jahrzehnte fortführen.

Das Erste was wir also für diese Kolumne benötigen ist ein Gebrauchtwagenhändler, der uns ab und zu ein paar von seinen Low-Budget Meisterwerken zur Verfügung stellt. Nun haben Gebrauchtwagenhändler ja nicht immer des besten Ruf, deswegen habe ich mich schon ein bisschen länger im Umkreis umgesehen und bin schließlich beim Autopark Emmering aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck hängen geblieben. Der Besitzer, Herr Heilbrunner stammt selbst aus Emmering und möchte sich sicher auch morgen noch bei seinem Lieblingsbäcker sehen lassen können und außerdem ist er vor Ort schon seit über 6 Jahren gut im Geschäft. Ich habe also ein recht positives Gefühl und bin gespannt auf unser erstes Treffen.

Der Ton hier, in dem kleinen Büro, ist hart aber herzlich und man versichert mir, dass man mir nicht gram sei, egal was ich an den Autos finde oder über sie schreibe. Es handle sich schließlich nicht mehr um Neuwägen. Das ist doch schon einmal positiv und ich selbst sehe die Sache ganz genau so. In meinen Augen gibt es Neuwägen, Vorführwägen, Gebrauchtwägen und Verbrauchtwägen. Und wenn wir mal ganz ehrlich sind, Autos um die 1000 Euro sind Verbrauchtwägen, bei denen wir einfach froh sind, wenn sie noch ausreichend TÜV haben und uns ohne größere Mängel von A nach B bringen. Meine Erwartungen an die beiden Testkandidaten des Tages sind also entsprechend gering. Ich freue mich aber auch ein wenig auf etwas 90er Jahre Charme und den sollte ich heute im Übermaß genießen dürfen. Vorweg noch, wir haben die Autos keiner eingehenden technischen Überprüfung unterzogen. Wir haben sie lediglich gefahren, angeschaut und fotografiert und von diesen Erlebnissen berichten wir hier.

Mazda 121 LX

Mein erster Kandidat ist ein Mazda 121 LX. Für was das LX steht mag sich mir nicht so recht erschließen, definitiv nicht für Luxus, oder doch? Egal, mich erinnert das leicht ausgebleichte, rote Auto an den Ford Fiesta, den einer meiner besten Freunde, damals im letzten Jahrtausend gefahren hat und den wir immer Fiasko statt Fiesta nannten. Und siehe da, der mit dem interne Kürzel JBSM versehene dreitürige 121 war weitgehend baugleich mit dem Fiesta und wurde von 1996-2003 bei uns angeboten. Mein Testwagen ist von Mai 1997 und, hier kommt auch gleich der erste Knaller, er hat nur knapp 80.000 Kilometer auf der Uhr. Ich steige also ein, sitze ein bisschen hoch aber sonst ok und erwecke das Biest mit 1,3 Litern Hubraum und stolzen 50 PS zum Leben. Positiv sei zu bemerken, dass er sofort anspringt. Nach einigen Kilometern gewöhnen wir uns langsam aneinander und der Wagen wird im doppelten Wortsinne warm mit mir. Doch die Benzinanzeige geht schon gegen Null und ehe ich zur Tankstelle muss, fahre ich lieber auf einen Parkplatz und mache Fotos und einen eingehenderen Verbrauchtwagen-Check.

Emotionen
Der 121 wurde sicher nicht gebaut um Emotionen zu wecken. Er hat vier Ecken, vier Räder und konnte damit sicherlich schon so manche Hausfrau glücklich zum Einkaufen begleiten. Für einen Großeinkauf reicht zumindest der Kofferraum allemal. Mehr gibt in diesem Kapitel tatsächlich nicht zu sagen.

Winterauto Mazda

Außenansicht
Die Radläufe rosten und auch ansonsten hat der Wagen so manches kleines Roststelchen, Beulchen oder Kratzerchen, aber immerhin, der Auspuff sieht recht gut aus, soweit ich das sehen konnte. Ich frage mich allerdings ob die Plastikstoßleisten an den Seiten wirklich auf unterschiedlicher Höhe sein müssen oder ob da mal ein Mechaniker etwas falsch verstanden hat. Das ganze Meisterwerk steht auf mächtigen 13 Zoll Stahlfelgen mit Radkappen. Positiv ist die Bereifung, dabei handelt es sich nämlich um gar nicht mal so abgerockte Ganzjahresreifen.

Innenraum
Hier empfängt mich eine graue Polsterlandschaft mit scheinbar willkürlichen bunten Klecksen, die mich bestenfalls an einen schlechten LSD Trip erinnern. Nicht dass ich jemals auf einem LSD Trip war, aber egal, das ist eine andere Geschichte. Der kleine Brandfleck auf dem Fahrersitz bietet da schon fast eine beruhigende Abwechslung. Naja, so waren sie eben die 90er. Des weiteren finden wir manuelle Fensterkurbeln und eine manuelle Spiegelverstellung. Das ist auch ok, denn was nicht elektrisch ist, kann auch nicht so schnell kaputt gehen. Das ganze Konsolenplastik ist für ein 18 Jahre altes Auto, welches niemals viel Liebe erfahren hat noch ganz akzeptabel. Einmal drüber geputzt und alles ist wie neu, naja, oder auch nicht.

Technik
Als technisches Highlight gibt es ein nachgerüstetes Sony Radio mit Aux Anschluss und CD Spieler. Der Radioempfang ist definitiv besser als in meinem schönen Nissan 350Z, mit dem ich her gekommen bin, nur die Boxen klingen ein bisschen nach Sängerknaben mit Asthma. Ansonsten hätte ich zwei Airbags und eine Wegfahrsperre im Angebot. Kurz, prägnant und kompakt, so wie das Auto.

Winterauto Mazda

Die Highlights
Der Kilometerstand von knappen 80.000, TÜV bis 12/2016, die vier Ganzjahresreifen und das Ganze für 890 freundliche Euros.

Honda Accord 2.0 LS

Für alle denen der Mazda zu klein ist, dessen Polster zu bunt sind und die Fenster zu mechanisch, für die habe ich noch den Accord 2.0 angeschaut, welcher ebenfalls aus dem Jahr 1997 stammt. In der automobilen Mittelklasse angekommen, erwarte ich mir nun ein bisschen mehr und in der Tat, „mehr“ ist der Accord auf alle Fälle. Er hat mehr Ausstattung, mehr Länge und mehr Preis. Aber eines nach dem anderen. Der ca. 4,68 Meter lange Honda sieht recht zeitlos aus und die Designer haben hier anno 1997 definitiv mehr Liebe hinein gesteckt als so manch ein Kollege, der z.B. den oben genannten 121 gezeichnet hatte. Der 2 Liter Motor mit 131 PS braucht ein bisschen Starhilfe ehe er anschließend ruhig vor sich hin brabbelt. Mit ca. 131.000 Kilometer auf der Uhr ist er zwar deutlich weiter gelaufen als der Mazda, aber so ein Motor sollte das eigentlich schon abkönnen. Genau so ist es dann auch, der Honda zieht ganz gut los und eigentlich macht er vom ersten Meter durchaus Laune. Schade, dass die ABS Warnleuchte aufblinkt. Über die Ursache kann ich nur spekulieren und auch die Jungs vom Autopark wissen es nicht, von daher lassen wir das hier einfach so stehen. Der Wagen macht trotzdem so viel Spaß, dass ich ein paar Euro in einige Liter Benzin investiere um ihn etwas näher kennen zu lernen. Und auch hier folgt natürlich wenige Kilometer später der Verbrauchtwagen-Check.

Emotionen
Diese sind dieses mal definitiv serienmäßig. Hätte ich mir 1997 so einen Accord 2.0 leisten können, wäre ich der König unserer Clique gewesen. Ein nobler, blauer Metallic-Lack und eine plüschige Vollausstattung machen den winterlichen Familienausflug selbst bei kleinem Budget zu einer fröhlichen Angelegenheit.

Winterauto Honda

Außenansicht
Da ist er auch schon wieder: der Rost an den Radläufen und auch sonst gibts einige Schönheitsfehler. Schade eigentlich. Aber sagen wir es einfach so, aus der Distanz sieht er richtig gut aus. Die 15 Zoll Räder sind leider auch aus Stahl, aber der Doppelrohrauspuff wirkt dafür ganz sportlich.

Innenraum
Kennt ihr dieses plüschige Wohnzimmerdesign eurer alten Tante? Genau das findet ihr hier auch und ich sage euch noch etwas, ich finde das wirklich gut. Nach dem optischen Psychoschock aus dem 121 macht sich hier richtig Wohlfühlatmosphäre breit. Ich sitze gut, habe ein paar mehr Einstellmöglichkeiten und auch das Plastik rundum wirkt ganz in Ordnung. Über das Holzdekor kann man sicher streiten, aber so war das halt damals und außerdem passt es zu Tantchens Gestühl. Ich frage mich allerdings welcher Herkules den Wagen früher gefahren hat, denn sowohl der Ablagedeckel links vom Lenkrad ist herausgerissen und wird nun von einem formschönen Klebeband am Platz gehalten, als auch der Aschenbecherdeckel, der nur noch an einer einzelnen Aufhängung baumelt.

Technik
Es gibt vier elektrische Fensterheber, die allesamt funktionieren (wenngleich einer ein bisschen langsamer erscheint als die anderen drei), eine Klimaanlage, ein original Kassettenradio (Hätte ich doch mal meine Hits der 90er Kassette aus dem Keller geholt und mitgebracht), elektrische Aussenspiegel, Zentralverriegelung, Airbags, Wegfahrsperre sowie ein funktionierendes und dabei auch noch elektrisches Schiebedach, durch welches ich den ersten und gleichzeitig letzten Sonnenstrahl des nebligen Spätoktobertages ins Auto lasse.

Winterauto Honda

Die Highlights
Das Auto ist 8-fach bereift, eine komplette Bordmappe ist dabei, mit einem sagen wir mal zumindest teilweise gepflegten Scheckheft, das Ganze für 1500 Euro und zum Schluss das Beste: TÜV bis 06/2017.

Abschließend muss ich sagen, es war ein lustiger aber auch ein interessanter Tag. Als Autojournalist ist man ja schon ein wenig begünstigt, bekommt man doch andauernd eine Menge neuer und teurer Autos umsonst zu fahren. Heute aber habe ich eine Reise zurück in meine Jugend unternommen und auch das hatte seinen Charme. Außerdem ist es schön zu sehen, dass man auch zum Preis von einem Satz durchschnittlicher Winterkompletträder ein ganzes Auto bekommen kann. Wer also keine Wunder erwartet und gerade auf der Suche nach einem Winterauto ist, der kann sich ja vielleicht einmal einen der beiden Wägen näher anschauen.

Bilder: Andreas Leffler

Winterauto-Check: Andreas Leffler